
Über Pacing, Priming und Purpose
Unser Gehirn funktioniert nicht wie ein Lichtschalter.
Mehr wie eine alte Dorfkapelle beim Schützenfest.
Die einen wollen Walzer.
Die anderen Poppmusik.
Das Stammhirn trommelt Alarm.
Das Denken hält Vorträge.
Und irgendwo hinten versucht eine kleine Hoffnung,
überhaupt den Takt zu finden.
Darum hilft gutes Zureden oft so wenig.
„Mensch“ verändert sich selten,
durch kluge Sätze.
Veränderung entsteht,
wenn das ganze innere System neue Erfahrungen macht.
Eben wie Tanzen lernen.
Zwei Schritte vor.
Einen zurück.
Fünf Schritte vor
Sechs zurück..
Kurz vertanzt.
Bestenfalls über sich lachen.
Weitergehen.
Unser Gehirn wünscht keine Veränderung.
Es ist „verliebt“ in einem System von „Sicherheit“.
Selbst unerlöste Gewohnheiten fühlen sich sicherer an
als eine unbekannte Freiheit.
Darum laufen Menschen immer wieder dieselben inneren Wege,
obwohl sie längst wissen, dass dort auch Schlaglöcher warten.
Nicht aus Dummheit.
Sondern aus Gewohnheit.
Aus Überleben.
Aus Erfahrung.
Und genau dort beginnen:
Pacing.
Priming.
Purpose.
Pacing – erst einmal neben dem Menschen gehen
Pacing heißt, erst einmal verstehen, wie jemand gerade unterwegs ist.
Nicht gleich eingreifen.
Nicht schieben.
Nicht verbessern.
Milton Erickson konnte das meisterhaft.
Er hörte Menschen zu,
ohne sofort Lösungen aus dem Ärmel zu schütteln.
Er ging erst einmal ein Stück mit.
Das klingt einfacher, als es ist.
Denn viele Menschen erleben:
Kaum erzählen sie etwas,
steht schon jemand mit einem Werkzeugkasten daneben.
„Sie müssen positiv denken.“
„Sie sollten loslassen.“
„Sie dürfen nicht so empfindlich sein.“
Und innerlich denkt der Mensch:
„Vielen Dank. Jetzt fühle ich mich zusätzlich auch noch falsch.“
Pacing „will“ etwas anderes vermitteln:
„Ja. so fühlt es sich gerade an.“
„Ich sehe, wie schwer das gerade ist.“
Nicht: „So bleibt es für immer.“
Das Nervensystem entspannt sich oft genau dort,
wo es nicht mehr kämpfen muss.
Immer wieder sitzen Menschen in meiner Praxis
und erzählen von ihrer Erschöpfung, ihrer Trauer, ihrer Angst.
Und dann erlebe ich immer wieder:
Nicht die Lösung hilft zuerst.
Sondern das Gefühl,
nicht mehr alleine gegen das eigene Innenleben kämpfen zu müssen.
Das ist Pacing
Wie jemand,
der beim Wandern neben dir hergeht
und nicht alle fünf Minuten ruft:
„Nun lauf doch endlich schneller!“
„Der Mensch braucht keinen Wegweiser.
Er braucht jemanden, der mit ihm am Straßenrand sitzt
und schweigend auf denselben Regen schaut.“
Priming – kleine Spuren für neue Möglichkeiten
Unser Gehirn arbeitet viel über Wiederholung.
Über Bilder.
Über Erfahrungen.
Über innere Netzwerke.
Das limbische System speichert:
Gefahr.
Sicherheit.
Scham.
Nähe.
Vertrauen.
Nicht als Theorie.
Sondern als Erfahrung.
Darum hilft Denken allein oft nicht weiter.
Ein Mensch kann genau wissen:
„Ich bin eigentlich wertvoll.“
Und sich trotzdem innerlich klein fühlen.
Weil alte Netzwerke schneller reagieren
als kluge Gedanken.
Priming bedeutet:
Neue Erfahrungen vorbereiten.
Wie kleine Samen,
die langsam in den Boden fallen.
Ein neuer Blick.
Ein anderer Platz im Raum.
Ein Spaziergang.
Ein Satz,
der plötzlich hängen bleibt.
Oder ein Mensch,
der einen anschaut,
ohne zu urteilen.
Das Gehirn beginnt dann,
neue Verbindungen zu bauen.
Nicht unter Zwang.
Eher wie ein Garten im Frühling.
Still. Langsam.
Und erstaunlich hartnäckig.
Darum arbeite ich gern mit Bildern,
Bewegung, Musik, Humor undKörperwahrnehmung.
Weil Veränderung nicht entsteht,
wenn wir noch mehr nachdenken,
sondern wenn das ganze System eine neue Erfahrung macht.
Wie beim Hula-Hoop-Reifen:
Man denkt nicht mehr so angestrengt nach,
wenn man versucht,
das Ding oben zu halten.
Der Körper beschäftigt sich.
Und plötzlich taucht ein neuer Gedanke auf.
Fast nebenbei.
Purpose – eine Richtung finden
Purpose heißt:
Sinn.
Richtung.
Wofür.
Nicht:
perfekte Antworten.
Viktor Frankl schrieb:
Der Mensch hält viel aus,
wenn er ein Wofür spürt.
Und dieses Wofür kann „ganz klein“ beginnen.
Heute aufstehen.
Den Hund versorgen.
Eine Kerze anzünden.
Einem Menschen schreiben.
Weiter atmen.
Purpose ist kein Motivationsposter.
Es ist eher ein inneres:
„Dafür lohnt es sich heute.“
Gerade Menschen in Krisen erleben:
Das alte Leben trägt nicht mehr…
… und das Neue ist noch nicht sichtbar.
Das fühlt sich an wie eine Brücke im Nebel.
Man sieht nicht das Ende.
Nur den nächsten Schritt.
Und genau der reicht oft.
Ich glaube, Menschen brauchen weniger Druck und mehr Verbindung.
Weniger Selbstoptimierung.
Mehr freundliche Begegnung mit sich selbst.
Denn die meisten Menschen,
die zu mir kommen,
sind nicht kaputt.
Sie sind müde geworden,
immer nur „gegen sich selbst zu arbeiten“.
Und dort beginnt Veränderung,
wo Mensch merkt:
„Ich muss mich nicht erst reparieren,
oder gar mich selbst abwerten, bevor ich leben darf.“
„Der Mensch lernt das Leben selten im Gleichschritt.
Eher stolpernd.
Mit schiefer Haltung.
Und genau deshalb
mit erstaunlich viel Würde.“
Und das ist genau die gute Nachricht:
Das Gehirn lernt tatsächlich lieber tanzen
als marschieren.
Nicht perfekt.
Nicht geradeaus.
Aber lebendig.
Mit kleinen Schritten.
Mit Pausen.
Mit immer wieder erstaunlich schrägen Bewegungen.
Und plötzlich entsteht,
mitten im Stolpern,
ein neuer Rhythmus.
Das Leben wartet nicht darauf,
dass wir perfekt werden.
Es freut sich schon,
wenn wir anfangen mitzuschwingen.
Und am Ende geht es gar nicht darum,
„sich endlich richtig“ hinzubekommen.
Sondern darum, wertschätzend mit sich selbst unterwegs zu sein.
Das eigene Gehirn will nicht nur als Problembüro betrachten werden,
sondern als einen ziemlich lebendigen Ort der in Veränderung ist.
Mit alten Wegen.
Mit überraschenden Abkürzungen.
Mit Baustellen.
Mit Musik.
Und mit inneren Tanzschritten,
die erst etwas schief aussehen
und später genau richtig wirken.
Pacing.
Priming.
Purpose.
Verstehen.
Neue Erfahrungen ermöglichen.
Eine Richtung spüren.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
„Es ist noch nicht alles leicht.
Aber ich bewege mich wieder.“
Das reicht oft schon.
Denn selbst das Gehirn
tanzt lieber in der Küche
als im Gleichschritt über den Kasernenhof.
Und jetzt nochmal für Fachleute
P wie Pacing – oder:
Geh mit dem Esel, wenn du nach Bethlehem willst
Pacing – das ist die hohe Kunst, erst mal nicht recht zu haben.
Das bedeutet: Ich gehe mit dem anderen mit. Nicht, weil ich nicht weiß, wo es langgeht – sondern weil ich ihn ernst nehme, wo er gerade steht. Ich sage also nicht: „Du musst da raus!“, sondern eher: „Das ist aber ein gemütliches Loch, in dem Sie sich da eingerichtet haben. Wollen wir mal schauen, was es dort alles zu entdecken gibt?“
Milton Erickson hat das meisterlich gemacht. Er hat nie gesagt: „Sie haben ein Problem“, sondern eher: „Na, das ist ja interessant, wie Sie das machen – wie lange schaffen Sie das denn schon?“
Pacing heißt also: Ich steige nicht direkt auf mein Therapie-Fahrrad und radle los, sondern ich bleib erst mal stehen, höre zu, nicke und sage: „Ja, verstehe ich.“ Auch wenn ich es noch nicht ganz verstehe. Es reicht, wenn ich es ernst nehme.
P wie Priming – oder:
Sag dem Gehirn, wohin es gucken soll, bevor es fragt
Priming – das ist der Trick, den alle Eltern beherrschen: „Na, möchtest du erst dein Zimmer aufräumen oder erst die Spülmaschine ausräumen?“ Das Kind denkt, es hat die Wahl – und zack, ist das Priming gelungen.
In unserer Arbeit geht es darum, dem Unbewussten zart eine Richtung anzubieten – wie ein Kellner, der die Dessertkarte so hält, dass man das Schokotörtchen zuerst sieht.
Milton Erickson hat mit Priming ganze Lebenswege umgeleitet – mit einer Geschichte über einen Bauern, ein Pferd und einen Zaun. Gunther Schmidt macht das auch, mit seiner wunderbar verschachtelten Art zu sagen: „Es könnte ja sein, dass ein Teil von Ihnen längst weiß, wie Sie aus dieser Nummer wieder rauskommen.“
Und plötzlich entsteht Raum. Für neue Perspektiven. Für kleine Lösungsspuren, die vorher keiner gesehen hat – auch nicht der Klient. Und wir schon gar nicht.
P wie Purpose – oder:
Warum stehen wir eigentlich morgens auf?
(Und manchmal lieber nicht)
Purpose – das klingt erstmal nach Flipchart, Führungskräftecoaching und Mission-Statement. Aber eigentlich ist es viel einfacher: Purpose ist die Frage, warum mir das Ganze hier überhaupt was bedeutet.
Wozu ist das gut?
Nicht: Warum haben Sie dieses Problem?
Sondern: Wozu will ein kluger Teil von Ihnen gerade, dass Sie dieses Verhalten zeigen? Das ist charmant, paradox – und irgendwie versöhnt es.
Denn Purpose macht die Dinge leichter. Wenn ich weiß, wozu ich etwas tue – dann mache ich es nicht mehr aus Angst oder Druck, sondern aus Sinn. Und wer einen Sinn hat, kann auch eine Menge Unsinn ertragen, ohne gleich zu verzweifeln.