Ein Appell zur Sensibilität und Unterstützung

Sexualisierte Gewalt (auch verbale Anzüglichkeiten, missbräuchliche Machtausübung Vorgesetzter) ist eine nach wie vor verdrängte Realität, die das Leben von Betroffenen für immer verändern kann. Doch neben den direkten Auswirkungen der erlebten Gewalt gibt es eine zusätzliche Gefahr, die übersehen wird: die sekundäre Viktimisierung.

Der sperrige Begriff „sekundäre Viktimisierung“ stammt aus der Sozialwissenschaft und beschreibt den Wandel von „betroffen sein“ hin „zum Opfer gemacht werden“. So kann die betroffene Person einer wie auch immer gearteten Gewalttat durch unsensible Reaktionen und Verhaltensweisen Dritter erneut zur geschädigten Person werden, indem Familie und Freunde oder aber auch Polizisten, Richter oder Staatsanwälte unangemessen auf die Enthüllung von z.B. sexualisierter Gewalt reagieren – indem sie die Glaubwürdigkeit der betroffenen Person in Frage stellen oder ihr eine Mitschuld an der Tat geben. Diese Reaktionen können dazu führen, dass sie sich darüber hinaus schuldig oder beschämt fühlt und sich möglicherweise zurückzieht, anstatt Unterstützung zu suchen. Solche Verhaltensweisen können das Trauma-Erleben der Betroffenen erneut aufrufen bzw. verstärken, den Verarbeitungsprozess stark beeinflussen und dazu führen, dass auch eine Rücknahme von berechtigten Vorwürfen die Folge ist. (Mussten Sie so einen Rock anziehen? Wenn Sie bei den Vorwürfen bleiben, schaden Sie dem Kollegen, Vorgesetzten.) Auch das Wiedergeben des Tathergangs kann für Betroffene eine anhaltende Belastung darstellen.

 Institutionelle Reaktionen spielen ebenfalls eine große Rolle bei der sekundären Viktimisierung. Wenn Behörden, medizinische Einrichtungen oder rechtliche Institutionen nicht angemessen auf die Tat reagieren, kann dies die Traumatisierung verstärken und Vertrauen in das System untergraben.

 Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir als Gesellschaft sensibilisiert sind und eine unterstützende Umgebung schaffen, in der Betroffene von sexualisierter Gewalt ohne Angst vor Stigmatisierung oder Zweifeln an der Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte Hilfe suchen können. Dies erfordert einen respektvollen Umgang mit Betroffenen und die Gewährleistung, dass Institutionen und Systeme darauf vorbereitet sind, adäquat zu reagieren und Unterstützung anzubieten.

 Die Aufklärung über die Gefahr der sekundären Viktimisierung und die Schulung von Fachleuten in verschiedenen Bereichen sind entscheidend, um die Unterstützung für Betroffene von sexualisierter Gewalt zu verbessern. Ein einfühlsames und verständnisvolles Umfeld kann einen wesentlichen Unterschied im Prozess machen und den Weg zu Gerechtigkeit und Wiedergutmachung ebnen.

Es liegt an uns allen, die Stigmatisierung und das Schweigen zu brechen, Betroffenen von sexualisierter Gewalt zuzuhören und sie zu unterstützen. Indem wir eine Kultur der Offenheit, des Glaubens, der Unterstützung und der Empathie schaffen, können wir dazu beitragen, die Auswirkungen der sekundären Viktimisierung zu minimieren um so einen Weg aus dem Erlebten zu erleichtern.

 

Die Gefahr der sekundären Viktimisierung nach (Vorwürfen von) sexualisierter Gewalt: