Methoden – Wege des Wahrnehmens und Verstehens
Hypnosystemische Perspektiven in Supervision, Coaching und Beratung
Die Methode folgt dem Menschen
Methoden sind für mich keine Werkzeuge, die bei jedem Menschen dasselbe Ergebnis hervorbringen. Menschliches Erleben entwickelt sich nicht linear. Es verändert sich mit Beziehungen, Erfahrungen, körperlichem Befinden und dem jeweiligen Kontext. Menschen suchen Begleitung, weil zwischen dem, wie es ist, und dem, wie es sein soll, ein Unterschied entstanden ist. So, wie es gerade ist, soll es nicht bleiben. Etwas soll sich verändern. Darin liegt häufig der unausgesprochene Auftrag: „Machen Sie, dass es weg ist.“ Dieser Wunsch ist verständlich. Menschliches Erleben lässt sich jedoch nicht wie ein technischer Vorgang, wie etwa bei einem Bügeleisen oder Toaster steuern.
Ein Toaster wiederholt bei gleicher Einstellung denselben Vorgang. Menschen sind eben keine Toaster. Sie leben in Beziehungen und reagieren auf Erfahrungen, körperliches Befinden und den jeweiligen Zusammenhang. Ein Toaster wiederholt einen festgelegten Vorgang. Menschen hören, sehen und empfinden anders – abhängig davon, ob es Morgen oder Abend ist, ob sie sich sicher oder bedroht erleben, ob sie geschlafen und gegessen haben und welche Erfahrungen sie mitbringen.
Menschen und ihr Umfeld wirken fortwährend aufeinander. Verändert sich ein Teil, verändert sich auch der Zusammenhang – und dieser wirkt wiederum auf den Menschen zurück. Deshalb folgt die Methode dem Menschen. Das Unerwünschte wird nicht einfach beseitigt. Seine Bedeutung, seine bisherige Funktion und die gewünschte Veränderung werden Teil des gemeinsamen Prozesses. Meine methodische Arbeit schafft deshalb keinen festgelegten Weg. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge, Unterschiede und Möglichkeiten, die in der jeweiligen Situation sichtbar werden.
Erleben entsteht im Zusammenhang
Der Satz „Kommen Sie bitte kurz zu mir“ kann in einem vertrauten Arbeitsumfeld wie eine gewöhnliche Bitte klingen. In einer angespannten Situation oder während einer Umstrukturierung kann derselbe Satz Unruhe oder Angst auslösen. Die Worte bleiben gleich. Der Kontext verändert, was ein Mensch hört, empfindet und erwartet.
Auch Krisen, Konflikte und Verlusterfahrungen verändern die Wahrnehmung. Der Blick verengt sich, Gedanken kreisen, der Körper reagiert und Zeit wird anders erlebt. Das ist kein persönliches Versagen. Erleben und Kontext wirken fortwährend aufeinander ein.
Willkürlich und unwillkürlich
Ein großer Teil unseres Wahrnehmens, Bewertens und Reagierens geschieht unwillkürlich. Diese Vorgänge arbeiten häufig schneller als das bewusste Denken. Der Körper reagiert, bevor ein Mensch seine Reaktion erklären kann. Das war in der Evolution überlebenswichtig. Bei einer unmittelbaren Gefahr blieb keine Zeit für eine ausführliche Abwägung.
Willentliches Denken kann ordnen, prüfen und Entscheidungen vorbereiten. Eine Veränderung trägt jedoch erst dann, wenn sie auch vom unwillkürlichen Erleben als möglich und stimmig beantwortet wird.
Erlebte Bereitschaft und erlebte Fähigkeit
Ein Ziel gewinnt Kraft, wenn zwei Erfahrungen zusammenkommen: die Bereitschaft, sich darauf zuzubewegen, und das Erleben, den nächsten Schritt auch bewältigen zu können.
Ein Gedanke kann bewusst völlig einleuchten. Gleichzeitig kann das unwillkürliche Erleben mit Anspannung, Rückzug oder Widerstand antworten. Diese Antwort ist kein Fehler. Sie enthält Informationen darüber, was ein Mensch gegenwärtig braucht. Auch das, was zunächst als Widerstand erscheint, kann für den weiteren Prozess genutzt werden.
Nicht handeln – zunächst der Weg nach innen
Nicht handeln bedeutet für mich nicht, gleichgültig oder untätig zu bleiben. Es unterbricht den Impuls, auf eine innere oder äußere Bewegung sofort reagieren zu müssen.
Zunächst führt der Weg nach innen: wahrnehmen, was geschieht, die eigene Reaktion verstehen und überprüfen, was in diesem Augenblick wirklich ist. Ein bewusster Atemzug kann bereits einen Abstand schaffen, in dem die erste Reaktion nicht automatisch das weitere Handeln bestimmt.
Viktor Frankls Denken erinnert daran, dass zwischen einem Reiz und unserer Reaktion ein Raum erfahrbar werden kann. In diesem Raum liegt menschliche Freiheit: innezuhalten, die eigene Haltung wahrzunehmen und eine Antwort zu finden, die der gegenwärtigen Situation entspricht.
Aus dem Nichthandeln kann ein anderes Handeln entstehen – nicht aus dem ersten Impuls, sondern aus mehr Ruhe, Klarheit und innerer Beteiligung.
Weiterlesen: Eine Praxis des Nichthandelns – der Weg nach außen führt über innen
Gefühle als Hinweise
Gefühle fallen nicht einfach vom Himmel. Sie bilden sich im Zusammenspiel von Körper, bisherigen Erfahrungen, gegenwärtiger Situation und der Bedeutung, die ein Mensch dem Geschehen gibt.
Angst kann auf ein Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit oder Orientierung hinweisen. Wut mobilisiert häufig dann, wenn eine Grenze verletzt wird oder Einfluss noch möglich erscheint. Wird eine Situation als nicht beeinflussbar erlebt, können Angst, Hilflosigkeit, Trauer oder Rückzug entstehen.
Gefühle sind keine Gegner. Sie geben Hinweise darauf, wie ein Mensch seine gegenwärtige Situation erlebt. Jede Emotion besitzt eine Schutz- oder Orientierungsfunktion – auch dann, wenn die entstandene Reaktion heute nicht mehr zur aktuellen Situation passt.
Menschen haben viele Seiten
Menschen erleben sich nicht zu jeder Zeit gleich. Eine Seite möchte handeln, eine andere braucht Schutz. Eine Seite ist entschlossen, eine andere zweifelt. Diese Unterschiede sind kein Widerspruch, der beseitigt werden muss. Sie gehören zur inneren Vielfalt eines Menschen.
In der Begleitung erhalten diese Seiten eine Stimme. Ihre unterschiedlichen Absichten, Bedürfnisse und Erfahrungen werden wahrnehmbar. Daraus kann ein innerer Austausch entstehen, der neue Entscheidungen ermöglicht.
Beziehung verändert das Geschehen
Wer einen Menschen, ein Team oder eine Organisation begleitet, steht nicht außerhalb des Geschehens. Fragen, Wahrnehmungen und Rückmeldungen verändern bereits, worauf Menschen achten und wie sie ihre Situation beschreiben.
Begleitung verstehe ich als einen gemeinsamen Prozess. Sie bringen Ihre Erfahrungen und Sichtweisen mit. Ich bringe meine fachliche Erfahrung, meine Wahrnehmung und mich als Menschen ein. In dieser Begegnung kann eine Metaebene entstehen, von der aus Zusammenhänge anders sichtbar werden.
Diese Metaebene steht nicht über dem Menschen. Sie erweitert den Blick und bezieht auch die Beziehung und das gegenwärtige Gespräch in das gemeinsame Verstehen ein.
Das Vorhandene nutzen – Utilisation
Utilisation bedeutet, das zu nutzen, was bereits vorhanden ist. Dazu gehören Fähigkeiten und Erfahrungen ebenso wie Zweifel, Widerstand, Erschöpfung oder der Wunsch, dass alles so bleiben soll.
Wer weiß, was er nicht will, weiß bereits etwas darüber, was ihm wichtig ist. Auch eine Abwehr gegen Veränderung enthält eine Erfahrung, eine Absicht oder ein Bedürfnis. Sie muss nicht überwunden werden. Sie kann zum Ausgangspunkt für einen neuen Prozess werden.
Diese von Milton Erickson geprägte Haltung wurde von Gunther Schmidt bewusst auf die Arbeit mit Teams und Organisationen übertragen. In meiner Arbeit hat sich immer wieder gezeigt, wie tragfähig Veränderung wird, wenn das Vorhandene nicht entwertet, sondern einbezogen wird.
Ziele geben Richtung
Die Funktion eines Zieles liegt nicht allein darin, es zu erreichen. Ein Ziel richtet Aufmerksamkeit aus und bringt Bewegung in einen Prozess. Wird es nicht erreicht, ist das kein Versagen. Auf dem Weg entstehen Erfahrungen, durch die sich auch das Ziel verändern kann.
Der Blick auf eine gewünschte Zukunft bedeutet nicht, das gegenwärtige Problem kleinzureden. Er erweitert den Ausschnitt: Neben dem, was belastet, wird wieder wahrnehmbar, wohin sich etwas entwickeln soll.
Manchmal steht sogar die vermeintliche Lösung im Weg, weil sie keinen Raum für etwas Neues lässt.
Erfahrung schafft Bahnungen
Erfahrungen, die sich wiederholen, hinterlassen Spuren. Nervenzellen, die wiederholt gemeinsam aktiv sind, vernetzen sich stärker miteinander. Dadurch werden vertraute Wahrnehmungen und Reaktionen leichter zugänglich – hilfreiche ebenso wie belastende.
Veränderung entsteht auch dadurch, dass andere Erfahrungen wiederholt erlebt und neue Verbindungen gestärkt werden. Die Aufmerksamkeit auf eine gewünschte Entwicklung zu richten, bedeutet deshalb kein positives Denken und kein Verdrängen von Schwierigkeiten. Es ermöglicht dem Gehirn und dem Erleben, weitere Wege kennenzulernen.
Supervision und Coaching mit therapeutischer Kompetenz
Ich gestalte Supervision und Coaching mit therapeutischer Kompetenz. Dazu gehört für mich, emotionale, körperliche und zwischenmenschliche Dynamiken wahrzunehmen und in die gemeinsame Arbeit einzubeziehen.
Supervision wird dadurch nicht zur Psychotherapie. Menschen werden nicht vorschnell diagnostiziert oder auf ein Problem reduziert. Die therapeutische Kompetenz erweitert das Verstehen und unterstützt einen verantwortungsvollen Umgang mit Krisen, Konflikten und belastenden Erfahrungen.
Meditation ist kein Werkzeug
Meditation dient nicht dazu, einen Menschen zu optimieren oder einen bestimmten Zustand herzustellen. Sie ist eine Haltung des gegenwärtigen Wahrnehmens. Meditation findet nicht außerhalb des Alltags statt. Sie geschieht hier und jetzt – im Sitzen, im Gehen, beim Zuhören oder in einem einzigen bewussten Atemzug.
Aufmerksamkeit schafft einen Zwischenraum. In ihm wird sichtbar, was gerade geschieht, ohne sofort darauf reagieren zu müssen. Daraus können Ruhe, Klarheit und ein nächster Schritt entstehen.
Weiterlesen: Die Kieselsteinmeditation nach Thich Nhat Hanh