Ein hypnosystemischer Blick auf eine jahrtausendealte Vorstellung

Heute ziehen sie wieder los.
Von Haus zu Haus.
Mit schief sitzenden Kronen,
kalten Fingern, einem Stern aus Pappe –
und mit einer erstaunlichen inneren Gewissheit:
Wir bringen etwas.
Nicht Pakete.
Nicht Rechnungen.
Nicht ungefragte Ratschläge.
Sondern: Segen

Nun könnte man sagen:
„Das ist ja nett.
Aber historisch betrachtet eher dünn belegt.“
Denn Hand aufs Herz:
Wir wissen nicht,
ob es die Sternsinger je gegeben hat.
Wir wissen nicht, ob es drei waren.
Oder mehr.
Oder ob sie Könige waren oder nur Leute,
die nachts schlecht schlafen konnten
und deshalb in den Himmel schauten.
Und trotzdem:
Seit Jahrhunderten gehen Menschen los –
wegen einer Geschichte, die vielleicht nie stattgefunden hat.
Und genau hier wird es hypnosystemisch hochinteressant.

Was nie war – und trotzdem wirkt
Aus hypnosystemischer Sicht
ist eine entscheidende Frage nicht:
Ist es passiert?
sondern:
Was macht es mit uns?
Milton Erickson hätte vermutlich gesagt:
„Wenn etwas wirkt, dann ist es real genug.“
Die Sternsinger sind ein Paradebeispiel
für eine wirksame innere Konstruktion.
Ein gemeinsames Bild.
Ein geteiltes Narrativ.
Eine kollektive Imagination.
Oder, etwas nüchterner formuliert:
Ein stabiler innerer Bezugsrahmen, der Orientierung gibt.

„Ob es stimmt, ist zweitrangig.
Hauptsache, es hilft beim Menschsein.“

Der Stern als innerer Fokus!
In der Hypnosystemik arbeiten wir ständig mit „Sternen“.
Wir nennen sie nur anders:
•           Ressourcen
•           innere Bilder
•           hilfreiche Metaphern
•           Zukunftsbilder
•           Möglichkeitsräume

Der Stern der Weisen
ist kein Navigationsgerät aus dem Baumarkt.
Er ist ein Fokuspunkt.
Und jeder, der schon einmal
einen Klienten gefragt hat
„Woran würden Sie merken,
dass es ein kleines Stück besser ist?“
weiß:
Ein Bild reicht.
Ein Lichtpunkt.
Eine Ahnung.
Die Sternsinger gehen nicht,
weil sie wissen, wo sie ankommen.
Sie gehen, weil sie sich vorstellen können,
dass es einen Sinn gibt, loszugehen.
Und genau das ist hypnosystemisch betrachtet hochprofessionell.

Das Haus als System
Wenn Sternsinger an einer Tür klingeln,
betreten sie ein System.
Manchmal freundlich.
Oder skeptisch.
Oder mit dem Satz:
„Wir haben gerade keine Zeit.“
Sie kommen trotzdem.
Nicht invasiv.
Nicht missionierend.
Sie hinterlassen etwas –
ein Zeichen, eine Spur, ein Ritual.
Hypnosystemisch würden wir sagen:
Sie setzen einen minimalen,
respektvollen Impuls,
der das System nicht überfordert,
aber etwas Neues anbietet.
Ein Kreidestrich.
Ein Segenswort.
Ein Lächeln.

„Sie gehen wieder, bevor man sie bitten kann, den Müll runterzubringen.“

Warum das alles einen Nutzen hat
Der Nutzen liegt nicht im Beweis.
Nicht in der historischen Genauigkeit.
Nicht in der Frage, ob das wirklich so war.
Der Nutzen liegt darin, dass Menschen
seit Jahrhunderten lernen:

Ich kann mich auf den Weg machen,
ohne alles zu wissen..

Ich kann einer Ahnung folgen..

Ich kann Licht weitergeben,
auch wenn ich selbst friere..

Ich kann glauben,
dass ein kleines Zeichen Wirkung hat..

Oder hypnosystemisch formuliert:
Solche Geschichten stabilisieren
hilfreiche innere Zustände,
sie fördern Kohärenz, Sinn, Zugehörigkeit
und eröffnen Möglichkeitsräume –
individuell wie gesellschaftlich.

Zum Schluss (fast ernst)
Möglicherweise sind die Sternsinger
gar keine Erinnerung an die Vergangenheit.
Sondern eine Einladung an die Gegenwart..
Loszugehen.
Mit einem Bild im Kopf.
Mit einem Stern,
der nicht beweisen muss, dass er echt ist.
Frei nach Hanns Dieter Hüsch:
„Wenn wir schon nicht wissen,
wo wir herkommen –
dann sollten wir wenigstens wissen,
wofür wir losgehen.“
Und genau das tun sie heute wieder.
Von Haus zu Haus.
Mit einem Stern, der vielleicht nie da war –
und doch seit Jahrhunderten leuchtet.