Eine Praxis des Nichthandelns

In before out – Zwischen Impuls und Antwort

Im Labyrinth verliere ich mich nicht.
Der Weg ist eindeutig.
Auch wenn er immer wieder die Richtung verändert, führt er zur Mitte –
und von dort wieder hinaus.

Ich kann mich seinem Weg anvertrauen.

Zwischen Geschehen und Antwort

Zwischen dem, was geschieht, und unserer Antwort liegt ein Zwischenraum. Viktor Frankl verbindet diesen Raum mit einer besonderen menschlichen Möglichkeit: Wir müssen nicht auf alles unmittelbar reagieren.

Ein Wort fällt. Ein Blick trifft mich. Eine Nachricht erschreckt. Etwas macht mich wütend, traurig oder ängstlich. Mein Körper reagiert, Gedanken tauchen auf und im nächsten Augenblick weiß ich ganz genau, was ich sagen oder tun möchte.

Dieser erste Impuls ist wirklich.
Aber er ist noch nicht die ganze Wirklichkeit.

Ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von Gewohnheits-Wirklichkeit: Mein Erleben entsteht nicht nur aus dem, was gerade geschieht, sondern auch aus dem, was ich bereits erlebt habe.

Nicht-Handeln bedeutet für mich deshalb nicht, untätig zu bleiben.

Es bedeutet, dem ersten Impuls nicht sofort die Regie zu überlassen.

Ich kann einen Augenblick bei dem bleiben, was gerade geschieht. Wahrnehmen, was mich berührt oder getroffen hat. Spüren, was mein Körper längst weiß, bevor ich Worte dafür finde. Entdecken, welche Erfahrungen, Befürchtungen oder Bedürfnisse gerade mit am Tisch sitzen.

Erfahrungen stehen dabei nicht einfach einzeln nebeneinander. Was sich wiederholt gemeinsam ereignet, kann sich miteinander verbinden.

In der Neurowissenschaft wird dieser Zusammenhang vereinfacht mit dem Satz beschrieben:

„Cells that fire together, wire together.“

Was miteinander feuert, verbindet sich miteinander.

So kann eine Situation heute etwas in mir auslösen, das weit über diesen Augenblick hinausreicht. Ein Tonfall, ein Blick oder ein Wort berührt ein vertrautes Muster – und mein System antwortet, als wäre die alte Erfahrung ebenfalls mit im Raum.

Labyrinth – In before out

Wahrnehmen

Verstehen

Antworten

Was geschieht gerade tatsächlich –
und was wird gleichzeitig in mir mit aufgerufen?

Vom Wahrnehmen zum Antworten

Bevor ich antworte, nehme ich wahr.

Was geschieht gerade mit mir?
Was davon gehört zu dieser Situation?
Was klingt aus anderen Erfahrungen mit an?
Was braucht Beachtung – und was muss nicht sofort in Handlung übersetzt werden?

Es geht nicht darum, sich in sich selbst zurückzuziehen. Im Gegenteil.

Ich nehme ernst, was in mir geschieht, damit es nicht unbemerkt darüber entscheidet, was ich als Nächstes tue.

„If you know how to suffer,
you suffer much less.“ Thich Nhat Hanh

Wer weiß, wie er seinem Leiden begegnen kann, leidet weniger.

Das Leiden wird dadurch nicht kleingeredet, erklärt oder beseitigt. Ich muss auch nicht sofort etwas verändern.

Zunächst darf sein, was ist.

Auch Ärger, Angst, Trauer oder Hilflosigkeit dürfen da sein, ohne dass sie sofort verschwinden müssen.

Was ich wahrnehmen und verstehen kann, muss nicht mehr unbemerkt die Führung übernehmen.

Und manchmal verändert sich bereits dadurch etwas.

Das Labyrinth als Weg

Deshalb mag ich das Bild des Labyrinths.

Ein Labyrinth kennt keine Abkürzung zur Mitte. Sein Weg verändert immer wieder die Richtung. Manchmal scheint er dem Zentrum ganz nah zu sein und kurz darauf führt er wieder davon weg.

So erlebe ich auch innere Prozesse.

Ich komme einem Gedanken näher und entferne mich wieder von ihm. Etwas, von dem ich glaubte, es längst verstanden zu haben, begegnet mir noch einmal. Eine neue Perspektive entsteht. Mein Körper erzählt etwas anderes als mein Kopf.

Kein Schritt geht verloren.

Die Mitte des Labyrinths ist für mich kein Ort fertiger Antworten.

Sie ist ein Ort des Innehaltens.

Für einen Augenblick muss ich nichts lösen.

Dort kann der Abstand entstehen, den ich brauche, um wieder wählen zu können.

Antworten statt reagieren

Dann führt der Weg wieder hinaus.

Nicht unbedingt mit einer Lösung.
Nicht immer versöhnt.
Nicht immer ruhig.

Aber freier.

Meine Antwort kann ein klares Wort sein. Eine Entscheidung. Eine gesetzte Grenze. Sie kann bedeuten zu handeln, zu widersprechen oder zu gehen.

Und manchmal besteht die Antwort darin, zu schweigen, zu warten oder ganz bewusst nichts zu tun.

Nicht jede Situation verlangt eine unmittelbare Reaktion.
Aber jede bewusste Antwort beginnt mit Wahrnehmung.