
Manche Tiere wissen mehr über das Leben,
als wir ihnen zutrauen.
Zum Beispiel die Weinbergschnecke.
Wenn der Winter kommt, zieht sie sich zurück.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Bequemlichkeit.
Sondern als Schutz.
Sie verschließt den Eingang zu ihrem Haus
mit einer Mischung aus Kalk und Schleim.
Fachleute nennen das Epiphragma.
Ich nenne es: eine kluge Entscheidung.
Denn so überlebt sie eine Zeit, die sonst zu kalt, zu hart, zu viel wäre.
So habe ich mich gefühlt, als mein Sohn
vor zehn Jahren durch Suizid gestorben ist.
Ich habe meine Türen zugemacht.
Nicht für immer – aber gründlich.
Besonders die Musik habe ich verschlossen.
Dabei war sie unser gemeinsamer Raum gewesen.
Tilman am Kontrabass.
Ich an der Gitarre.
Wir haben zusammen komponiert,
gespielt, ausprobiert.
Musik war Verbindung. Nähe. Zuhause.
Nach seinem Tod wollte ich davon nichts mehr wissen.
Nicht, weil ich die Musik nicht liebte,
sondern weil sie mich zu sehr liebte.
Und zu genau wusste, wo es weh tut.
Erst durch die Begegnung mit anderen verwaisten Eltern
und bei VIVAS habe ich langsam verstanden:
Ich bin nicht allein.
Und: Ich bin nicht kaputt.
Ich bin – wie die Schnecke –
gut organisiert für eine Zeit des Überlebens.
Und dann kam David.
Er fragte mich unverhohlen,
ob ich bei einer Veranstaltung Musik machen wolle.
Ich habe spontan abgesagt.
Meine Schneckentür
war noch fest verschlossen.
Trotzdem kam etwas in Bewegung in mir…
– wie das so ist –
habe ich doch ein Lied geschrieben.
Nicht mutig.
Eher vorsichtig.
Ich habe meinen Sohn innerlich mitspielen lassen.
Und plötzlich war da wieder etwas,
das ich fast vergessen hatte:
Vertrauen.
Nicht das große.
Aber ein kleines.
So groß wie ein Schneckenhaus-Eingang im Frühling.
Inzwischen durfte ich mehrfach bei VIVAS-Veranstaltungen,
besonders bei Segnungsfeiern, meine Lieder einbringen.
Und jedes Mal fühlt es sich ein bisschen so an,
als würde ich den Kalkdeckel lösen.
Nicht, weil alles gut ist,
sondern weil Leben wieder durchkommen will.
Ich bin den Menschen bei VIVAS dankbar
und den anderen Trauernden.
Weil sie mich sehen,
weil ich aus der Unsichtbarkeit langsam wieder in die Sichtbarkeit komme.
Und damit auch wieder gehört werde.
Vielleicht ist das einer der leisen Wege zurück ins Leben:
Nicht die Tür aufzureißen.
Sondern sie einen Spalt zu öffnen.
Wie eine Schnecke im Frühling.
Und dann zu merken:
Die Welt ist noch da.
Und ich auch. (SP)